Allgemeines

Für die Plenarveranstaltungen ist keine gesonderte Anmeldung erforderlich.

Die Plenarvorträge stehen allen Kongressteilnehmern offen und sind durch die Grundgebühr abgedeckt.

Prof. Dr. Naika Foroutan

Religiöses Erwachen? – Zur Entstehung muslimischer Identitäten in Deutschland im Spannungsfeld von Abwertung und Normalisierung

Datum: Samstag, 12. September, 08.30 Uhr
Ort: Theater Erfurt - Großes Haus

Seit bald einem Jahrzehnt gibt es in Medien, Politik und Gesellschaft wiederkehrende Debatten um die Zugehörigkeit von Islam und Muslimen zu Deutschland. Im Vortrag soll die Frage aufgegriffen werden, wie muslimische Bürger*innen in Deutschland im Zwischenraum einer negativ zugeschriebenen Herkunftskultur und ihrer Heimat Deutschland ihre Identitäten aushandeln. Im Fokus stehen dabei komplexe performative Identitätsbildungsprozesse zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung. Zu beobachten ist, wie sich muslimische Identitäten im Spannungsfeld von Abwertung und Normalisierung pluralisieren, widerständig ausrichten oder auch radikalisieren und wie sich Bezugspunkte zu Religion revitalisieren, aber sich auch gleichzeitig hybridisieren und kulturell vermischen. Lässt sich das Herausbilden einer explizit als „muslimisch“ bezeichneten Identität erkennen und in welchem Bezug steht diese tatsächlich zu Religion und Islam?

 

Naika Foroutan ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik und Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu den Schwerpunkten ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit gehören u. a. die Themen Migration und Integration; Islam- und Muslimbilder in Deutschland; Identität und Hybridität; politischer Islam und gesellschaftliche Transformation von Einwanderungsländern. Seit 2011 ist sie zudem Leiterin der Forschungsgruppe „Junge Islambezogene Themen in Deutschland“ (JUNITED) im Rahmen des Projekts „Junge Islam Konferenz“ (JIK). Im Jahr 2011 erhielt sie den Berliner Integrationspreis für ihr Eingreifen in die bundesweit kontrovers geführte „Sarrazindebatte“. Im Jahr 2012 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Fritz Behrens Stiftung, der alle zwei Jahre für exzellente Forschung vergeben wird. Im Jahr 2016 erhielt sie den Höffmann-Wissenschaftspreis der Universität Vechta.
 

Ausgewählte Literatur:

  • 2019: Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript.
  • 2018: Postmigrantische Perspektiven: Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt am Main: Campus. Mit Juliane Karakayali & Riem Spielhaus.
  • 2018: Das Phantom »Rasse«. Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus. Köln: Böhlau Verlag. Mit: Christian Geulen, Susanne Illmer, Klaus Vogel und Susanne Wernsing.
  • 2010: Zwischen Konfrontation und Dialog. Der Islam als politische Größe. Wiesbaden: VS-Verlag. Mit: Marwan Abou-Taam & Jost Esser.
Referentin

Sozialwissenschaftlerin, Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung

Prof. Dr. med. Surjo Soekadar

Neurotechnologie zur Überwindung körperlicher und psychischer Grenzen? Chancen und Risiken von Gehirn-Computer Schnittstellen, Neurorobotik und Künstlicher Intelligenz

Datum: Sonntag, 13. September, 08.30 Uhr
Ort: Theater Erfurt - Großes Haus

Unser Gehirn, das komplexeste System des bekannten Universums, bringt all das hervor, was uns als Menschen ausmacht: unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Kreativität und sämtliche Entscheidungen und Handlungen. Mittels Neurotechnologie ist es mittlerweile möglich, Gehirnaktivität in Alltagsumgebungen auszulesen und als Steuersignale von Computern oder Robotern zu nutzen. So lassen sich Alltagsgeräte mit Gedanken steuern, etwa um die Lebensqualität und Selbstbestimmung gelähmter Menschen zu verbessern, oder Lernprozesse gezielt steigern. Allerdings kann das Auslesen der Hirnaktivität auch zu anderen Zwecken eingesetzt werden, z. B. um unbewusste Bewertungen zugänglich zu machen. Längst entwickeln global-agierende Unternehmen neurale Schnittstellen für jedermann. Welche Szenarien ergeben sich daraus und wo liegen die ethischen Grenzen im Einsatz dieser neuen Technologien?

 

Prof. Dr. Surjo R. Soekadar. studierte Medizin und promovierte zu neuronaler Plastizität und Phantomschmerzen. Von 2005 bis 2018 arbeitete er als Arzt an der Universität Tübingen und leitete dort ab 2011 die Arbeitsgruppe Angewandte Neurotechnologie. 2018 wurde er zum deutschlandweit ersten Professor für Klinische Neurotechnologie an die Charité – Universitätsmedizin Berlin berufen. Die Professur wird von der Einstein-Stiftung Berlin unterstützt. Surjo R. Soekadar ist Autor zahlreicher, vorwiegend englischsprachiger Publikationen in internationalen Fachzeitschriften.

Referent

Oberarzt, Leiter AG Klinische Neurotechnologie an der Charité Berlin

Dr. Anna Sacher Santana

Verbinden und Dazugehören – Die Integration von Kunst in die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen mit Mobbingerfahrungen

Datum: Montag, 14. September, 08.30 Uhr
Ort: Theater Erfurt - Großes Haus

Anna Sacher Santana, Künstlerin und Fachärztin für Kinder– und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, verbindet in ihrer therapeutischen Arbeit die systemische Psychotherapie mit ihrer eigenen Kunst sowie mit Kunsttherapie und traumasensiblem Yoga. Diese einzigartige Mischung aus verbaler Psychotherapie, Kunsttherapie und Körpertherapie spricht verschiedene Wahrnehmungskanäle und Hirnareale an. Zum Ausdruck kommen Bewusstes und Unbewusstes und auch präverbale Themen werden zugänglich. Auch die Verarbeitung findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Je nach Gegenüber und/oder Thema setzt Sie die verschiedenen therapeutischen Zugänge unterschiedlich gewichtet ein und kombiniert sie miteinander. Auf diese Weise entsteht ein Raum der gegenseitigen Ergänzung und Befruchtung. In ihrem Vortrag wird Anna Sacher Santana am Beispiel der Themen Mobbing und „Dazugehören“ erläutern, wie sie die Methoden in die Einzeltherapie und in ein Gruppensetting integriert. So entstand in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen in einem Kunst(-therapeutischen)-Projekt eine Skulpturengruppe zum Thema „Dazugehören“ als Gegenstück zum „Mobbing“. In dieser kreativen Gruppenarbeit wurde das Thema auf individueller Ebene beleuchtet, Kernelemente des „Dazugehörens“ erarbeitet, im Gruppenprozess erfahrbar gemacht und schließlich gemeinsam realisiert.

 

Anna Sacher Santana wurde 1970 in Kärnten, Österreich geboren. Nach dem Abitur zog Sie nach Wien, wo sie Medizin und Bildhauerei studierte. Ihre Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin absolvierte Sie in Österreich und ihre Facharztausbildung für Kinder und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Ulm. 2005 zog sie zurück nach Kärnten, wo sie seither in ihrer eigenen KJP-Praxis und in ihrem Bildhaueratelier tätig ist. Zudem ist sie Dozentin an der „Wiener Schule für Kunsttherapie“ und Trauma-Yogatherapeutin.

 

Ausgewählte Literatur:

  • Sacher Santana, A. Mobbing in der Welt der Skulpturen. Nervenheilkunde 2019; 38(01): 45 – 48
Referentin

FÄ für Kinder – und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, eigene KJPP Praxis, Künstlerin mit Bildhaueratelier, Dozentin an der „Wiener Schule für Kunsttherapie“ und Lehrbeauftragte für traumasensibles Yoga

Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Udo Rauchfleisch, Basel

„Ich habe nichts gegen Lesben, Schwule und Transgender, aber …“ Homosexuelle und trans Menschen im Spannungsfeld zwischen Exklusion und Inklusion

Datum: Dienstag, 15. September, 08.30 Uhr
Ort: Theater Erfurt - Großes Haus

Auch wenn Exklusion und Diskriminierungen von homosexuellen und trans Menschen im Verlauf der Jahre geringer geworden sind, finden wir in der Bevölkerung nach wie vor Kreise, die Menschen mit diesen Orientierungen und Identitäten ablehnen und selbst nicht vor Gewalttaten ihnen gegenüber zurückschrecken. Ausserdem sind homosexuelle und trans Menschen gesellschaftlich in verschiedener Hinsicht benachteiligt. Auf der anderen Seite sind Lesben, Schwule und trans Menschen in unserer Gesellschaft aber auch eine sichtbare und akzeptierte Gruppe, die in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens in Erscheinung tritt. Diese weitgehende Inklusion wird von Seiten der LGBT-Community allerdings nicht nur positiv gewertet, sondern mitunter auch als fragwürdige Anpassung an die Hetero- und Cisnormativität empfunden. Nach wie vor sind spezielle LGBT-Diskussions- und Aktivitätsgruppen wichtig, weil sie Lesben, Schwulen und trans Menschen die Möglichkeit bieten, sich unter ihnen Gleichen zu bewegen, was zu einer Stärkung ihrer Identität führt. Ausgrenzungen und Diskriminierungen lassen sich abbauen, indem die Vielfalt der Identitäten und sexuellen Orientierungen gesamtgesellschaftlich als Bereicherung wahrgenommen wird.

 

Udo Rauchfleisch, emer. Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel. Nach 30-jähriger Tätigkeit in der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel seit 1999 als Psychotherapeut in privater Praxis. Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Weiterhin Gastvorlesungen an in- und ausländischen Universitäten. Publikationen zur Theorie und Praxis der Psychoanalyse, zu Gewalt, Dissozialität, musikpsychologischen und theologisch-psychologischen Grenzgebieten sowie zu Homosexualität und Transidentität.

 

Ausgewählte Literatur:

  • Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität: Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019
  • Anne wird Tom – Klaus wird Lara. Transidentität/Transsexualität verstehen. Patmos, Ostfildern 2013
  • Schwule, Lesben, Bisexuelle: Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005
  • Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006 u. 5. Auflage 2016
  • Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder. Patmos, Ostfildern 2012
  • Weise, kühn und lebensklug: Chancen und Neubeginn im Alter. Kreuz, Freiburg im Breisgau 2008
Referent

Psychoanalytiker, Mitgliedschaften: DPG, DGPT, FS
Forschungsschwerpunkte: Persönlichkeitsstörungen, Psychoanalytische Theorie und Therapie, Sexuelle Orientierungen, Transidentität
Private Praxis: Delsbergerallee 65, CH-4053 Basel

www.udorauchfleisch.ch

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demographischen Wandels – Bedrohung oder Chance?

Datum: Mittwoch, 16. September, 08.30 Uhr
Ort: Theater Erfurt - Großes Haus

Der demographische Wandel ist einer der „Megatrends“ des 21. Jahrhunderts, der die politische, soziale und ökonomische Situation unseres Landes entscheidend verändern wird. In 25 Jahren wird jede/r dritte Bürger/in Deutschlands über 60 Jahre alt sein. Anteilsmäßig sind dies mehr als doppelt so viele pro Kopf der 20 bis 60jährigen wie heute. Dies ist ein dramatischer Strukturwandel der deutschen Bevölkerung. Die Alterung unserer Gesellschaft hat daher tiefgreifende Auswirkungen auf die Alters- und Gesundheitsvorsorge. Sie ist zudem eine Herausforderung an unser gesamtes Wirtschaftssystem, an den Arbeitsmarkt, die Produktion und den Kapital- und Immobilienmarkt unseres Landes. Wird unser Lebensstandard sinken, weil die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgeht? Oder wird der natürliche Produktivitätsfortschritt auch weiterhin für einen steigenden Lebensstandard sorgen? Leider hat sich in Deutschland eine eher pessimistische Sicht eingestellt. Der demographische Wandel wird von den meisten als Bedrohung, die gesetzliche Rente als Auslaufmodell und das deutsche Gesundheitssystem nur als Kostenfaktor gesehen. Wir halten dies für eine Fehleinschätzung. Stattdessen ist unsere steigende Lebenserwartung und die stetig besser werdende Gesundheit eine Ressource, die eine höhere Erwerbstätigkeit ohne größere Einbußen an Lebensqualität ermöglicht. Ob der dramatische Strukturwandel unseren Lebensstandard und unseren Sozialstaat bedroht, ist daher keineswegs ausgemacht, sondern hängt von unseren künftigen wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen und unserer Reaktion auf diese politischen Maßnahmen ab.


Prof. Dr. Axel Börsch-Supan ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München und leitet das Munich Center for the Economics of Aging (MEA). Er studierte Volkswirtschaftslehre und Mathematik in München und Bonn und promovierte 1984 am M.I.T. in Cambridge (USA) in Volkswirtschaftslehre. Börsch-Supan ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft (Vorsitz 2004 bis 2008). Er leitete die Rentenreformgruppe der Nachhaltigkeits-(„Rürup“)-Kommission und war Mitglied des Beraterkreises „Demographischer Wandel“ beim Bundespräsidenten. Er ist derzeit Mitglied der Expertengruppe „Demographie“ der Bundesregierung und berät die EU Kommission, die Weltbank, die OECD und mehrere ausländische Regierungen.


Ausgewählte Literatur:

  • Börsch-Supan, Axel; Härtl, Klaus; Leite, Duarte Nuno (2018): „Who cares about the day after tomorrow? Pension issues when households are myopic or time inconsistent“. In: Review of Development Economics, 22 (3), pp. 953 – 989.
  • Börsch-Supan, Axel (2017): „Eine Regel für die Rente“. In: MaxPlanckForschung, 2/2017 (), pp. 10 – 15.
  • Gasche, Martin; Börsch-Supan, Axel; Wilke, Christina Benita (2009): Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesetzliche Rentenversicherung, ihre Beitragszahler und ihre Rentner. MEA, Universität Mannheim, Mannheim.
Referent

Wirtschaftswissenschaftler, forscht insbesondere zu den mikro‐ und makroökonomischen Auswirkungen des demographischen Wandels, dem Sparverhalten der Haushalte, der Reform der sozialen Sicherungssysteme sowie Arbeits‐ und Kapitalmarktfragen